Mit dem WebserienBlog dokumentieren wir die deutschsprachige Webserienlandschaft und ausgewählte internationale Webserien [mehr über das Projekt].

Play it again, Dick [ENG]

Handlung

Die Webserie Play it again, Dick ist ein Spin-Off der Highschool-/Detektivserie Veronica Mars. Im Mittelpunkt der Serie steht Schauspieler Ryan Hansen, der in Veronica Mars in der Rolle des oberflächlichen High School-Womanizers Dick Casablancas zu sehen war. Hansen spielt sich nun in der Webserie selbst und produziert innerhalb dieser fiktionalen Welt ein Spin-Off zu Veronica Mars. Im Zuge der Handlung stellt Hansen sein Konzept dem Sender The CW vor und erhält den Auftrag eine Pilotfolge zu produzieren. Nach und nach überzeugt Hansen sämtliche Schauspieler des ehemaligen Veronica Mars-Casts, bei seinem Projekt mitzuwirken, und beginnt mit der Produktion eines absurden Spin-Offs, in dem ‚seine‘ Figur Dick Casablanca in der Rolle eines Privatdetektivs im Mittelpunkt stehen soll.

Distribution und Vermarktung

Der Veronica Mars-Produzent Rob Thomas und zahlreiche Castmitglieder kamen bereits im Jahr 2014 erneut zusammen, um 7 Jahre nach Ausstrahlung der letzten TV-Episode einen Veronica Mars-Kinofilm zu drehen. Finanziert wurde das Filmprojekt mithilfe einer Crowdfunding-Aktion, bei der innerhalb von wenigen Stunden das angestrebte Ziel von 2 Millionen US-Dollar sogar noch übertroffen wurde. Damit bildet Veronica Mars das bislang größte realisierte Filmprojekt, das über Crowdfunding finanziert wurde und verdeutlicht somit die Nachfrage der Fancommunity. Die Webserie Play it again, Dick knüpft an diesen Erfolg an.

Kontext und Medienumgebung

Veröffentlicht wurde die Webserie auf der Publikationsplattform CW Seed. Dahinter verbirgt sich ein Onlineableger des amerikanischen Fernsehnetzwerkes The CW. CW Seed ist eine Internetplattform, die als Veröffentlichungsort für audiovisuelle Originalinhalte fungiert, die ausschließlich für die exklusive Publikation im Netz produziert werden. Die Plattform ist laut Angaben des The CW-Networks ein Projekt, bei dem der Sender mit neuen Formaten, Inhalten und Stilen experimentieren kann, die fürs traditionelle Fernsehen nicht geeignet sind (siehe auch unser Anbieterprofil).

Dramaturgie und narrative Struktur

Play it again, Dick besitzt auf den ersten Blick eine nicht leicht zu durchschauende Handlungsstruktur, die geprägt ist von einem komplizierten Zusammenspiel zwischen der erzählten Welt und weiteren eingeschobenen Erzählungen. Die Rahmenhandlung thematisiert folgenübergreifend im pseudodokumentarischem Stil die Produktion der Pilotfolge, angefangen bei der Entwicklung der Konzeptidee, über die Schauspielerakquise bis hin zur eigentlichen Produktion. In diese Basishandlung wird die metadiegetische Binnenhandlung der fiktiven Spin-Off-Pilotfolge häppchenweise eingebettet. Die Binnenhandlung der ‚Serie in der Serie‘ entwickelt sich aus der Rahmenhandlung heraus und wird durch die Thematisierung der Produktion handlungslogisch legitimiert. Außerdem wird sie durch einen eingeschobenen Vorspann und eine eindeutig veränderte Ästhetik von der Basishandlung abgehoben.

Die Handlung der 8 Webisodes lässt sich grob in zwei Teile trennen. Die erste Hälfte (Folge 1 – 4) zeigt mit der Vorbereitung der Produktion der Serie „Private Dick“ ausschließlich die diegetische Handlung, während in der zweiten Hälfte die Produktion beginnt und damit auch Teile der metadiegetischen Binnenserie vermittelt werden. Die ersten vier Episoden widmen sich inhaltlich der Akquirierung der Schauspieler des ehemaligen Veronica Mars-Casts und der Weiterentwicklung des Serienkonzepts. Es wird somit zunächst die Rahmenhandlung der Diegese etabliert und die Existenz einer Metadiegese handlungslogisch vorbereitet. Ab Episode 5 beginnt in der Diegese die eigentliche Produktion der Serie und es werden zwischendurch immer wieder Ausschnitte der produzierten Binnenserie gezeigt. Oft sind den Ausschnitten diegetische Interviewsequenzen zwischengeschnitten, in denen die Schauspieler oder Mitglieder des Produktionsteams das vorher Gezeigte kommentieren.

Die Webserie Play it again, Dick ist dabei hochgradig medienreflexiv gestaltet. So besitzt sie eine doppelte Mise-en-abyme-Struktur, da sie zum einen eine Serie innerhalb einer Serie abbildet und zum anderen eine Making-Of-Dokumentation in einer Making-Of-Dokumentation zeigt.

Im Mittelpunkt der selbstreferentiellen Machart der Webserie steht vor allem der als enunziative Selbstreferenz (vgl. Nöth/Bishara/Neitzel 2008, S. 43.) bezeichnete Bezug zur Produktion der medialen Inhalte. Der Produktionsprozess, der normalerweise im Hintergrund stattfindet und für die Zuschauer bei der Rezeption eines medialen Artefakts in der Regel verborgen bleibt, ist aufgrund der pseudodokumentarischen Struktur der Webserie durchgängig präsent.

Diese Thematisierung der Produktionsbedingungen übernimmt zudem eine illusionsstörende Funktion. In Episode Nr. 7 wird beispielsweise auf die in Scripted Reality-Formaten gängige Konvention der gezielten Inszenierung von vermeintlicher Authentizität angespielt. Zu Beginn der Episode äußert sich der Schauspieler Darran Norris in einer Interviewsituation zunächst sehr positiv über die Produktion und das Projekt:

Oh, I'm always happy to lend a hand, or voice, in my case, when it's a special project and a dear friend is at the helm. I mean, look around. This is a labor of love for everyone involved.

Nachdem er aufhört zu sprechen, schaut er wenige Augenblicke lächelnd in die Kamera, dann genervt auf seine Uhr, wendet sich schließlich nach rechts und fragt: „Okay, does that about do it?“ Die Kamera zoomt heraus und Ryan Hansen ist auf einem Sofa sitzend zu sehen. Er erwidert, dass er die Szene gerne noch einmal wiederholen würde:

Um, this time really hit the words 'special' and 'dear.' (…) Ok, maybe this time you can just riff a little bit about how I inspire you as a performer and a human being.

Das vor allem durch den Zusatz „labor of love“ übertrieben positiv wirkende Lob, das Norris zu Beginn der Szene in die Kamera gesagt hat, bekommt durch das Zeigen der Rahmenbedingungen um den Entstehungsprozess eine andere Bedeutung zugewiesen. Dadurch wird offengelegt, dass auch das vermeintlich real wirkende, das in Dokumentationen und Interviews gesagt wird, oft ebenso inszeniert ist und einem strengen Skript folgt, wie die Inhalte fiktionaler Formate. Somit wird das Publikum daran erinnert, dass es vor dem Bildschirm sitzt und eine Serie rezipiert und die Illusionen, mit denen ein mediales Produkt normalerweise „über seine Gemachtheit hinwegzutäuschen“ (Gotto 2013, S. 79) versucht, werden bewusst offengelegt. Diese parodierende Inszenierung der Produktionsbedingungen erfüllt in erster Linie die Funktion, den Rezipienten dazu anzuregen, mediale Inhalte stets mit kritischem Blick zu betrachten.

Charakteristisch für die Webserie ist außerdem der spielerische Umgang mit Genrekonventionen. So werden vor allem innerhalb der Metadiegese immer wieder bekannte Stilmittel und typische Gestaltungsmuster aus Fernsehen und Kino aufgegriffen und durch ihre überspitzte Darstellung karikiert.

Durch dieses ausgefeilte Zusammenspiel aus formalen, inhaltlichen und sprachlichen Selbstreferenzen hinterfragt sie vor allem die Welt der Fernsehproduktion und somit auch sich selbst als Teil dieses medialen Kosmos.

Ästhetik

Die Webserie ist im Stil eines pseudodokumentarischen Making-Ofs gedreht. So ist die ästhetische Gestaltung geprägt von Elementen, die eine vermeintliche Authentizität hervorrufen sollen, wie z. B. der Einsatz von Handkameratechnik, wackeligen und unscharfen Aufnahmen und Zooms. Im Hintergrund sind immer wieder Crewmitglieder und Kameraequipment zu sehen (Vgl. z. B. Episode 1). Neben Handkameraeffekten werden zudem verschiedene Formen des (pseudo-)dokumentarischen Interviews in die fiktionale Handlung eingefügt. So werden die Figuren der Schauspieler, Produzenten und Drehbuchschreiber immer wieder frontal vor der Kamera sitzend gezeigt, während sie Fragen einer aus dem Off erklingenden Stimme beantworten (vgl. z. B. Episode 2). Durch ihre pseudodokumentarische Ästhetik bedient sich die Webserie somit bei dem Genre der Mockumentary. Da die Fiktionalität der Webserie durch einen „offensichtlichen Kontrast zwischen dokumentarischer Nüchternheit (d.h. einer seriösen Form) und einem irrationalen, absurden Subjekt (d. h. einem komischen Inhalt)“ (Sextro 2009, S. 59) von Anfang an deutlich markiert wird, handelt es sich bei der Webserie um eine Parodie. Die parodierende Wirkung der Webserie äußert sich dabei nicht nur in der pseudodokumentarischen Ästhetik sondern findet ebenso auf inhaltlicher und vor allem dramaturgischer Ebene statt.

Angaben

Staffeln: 1
Episoden: 8
Episodenlänge: 8 – 11 min. [Ø 8:90 min.]
Erscheinungsrhythmus: wöchentlich
Zuerst gezeigt auf: CW Seed
Produktion: Rob Thomas Productions
Jahr: 2014
Genre: Comedy, Mockumentary

Abrufbar unter:

CW Seed
(Zugriff: 04.03.2015)

Sonstige Quellen:

Kuhn, Markus (2011): Filmnarratologie. Ein erzähltheoretisches Analysemodell. Berlin: De Gruyter.

Nöth, Winfried/Bishara, Nina/Neitzel, Britta (2008): Mediale Selbstreferenz. Grundlagen und Fallstudien zu Werbung, Computerspiel und den Comics. Herbert von Halem Verlag.

Sextro, Maren (2009): Mockumentaries und die Dekonstruktion des klassischen Dokumentarfilms. Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin.

Crowdfunding-Hit „Veronica Mars“ (Spiegel Online)

The CW

(Zugriff: 04.03.2015)

Julia Weber, 05.05.2015