Mit dem WebserienBlog dokumentieren wir die deutschsprachige Webserienlandschaft und ausgewählte internationale Webserien [mehr über das Projekt].

Exit Vine [ENG]

Handlung

Exit Vine handelt von der jungen Sängerin Nathalie Lake, die gemeinsam mit Charlie, dem Drummer ihrer ehemaligen Band nach Los Angeles zieht, um eine Musikkarriere zu starten. Die beiden gründen die Rockband „Ambicide“ und casten gemeinsam mit Charlies Cousin Wayne, der das Management der Band übernimmt, den Bassisten Sinon. Die Musiker gewinnen mit einem selbstproduzierten Musikvideo einen Contest der Sängerin Encore und dürfen auf einem wichtigen Auftritt des Popstars als Opening Act performen. Eifersüchtig auf den Erfolg der jungen Künstler, fängt Encore schließlich an, gegen die Band zu intrigieren.

Produktion, Distribution und Medienumgebung

Bei Exit Vine handelt es sich um eine professionell produzierte Webserie, die von Red Bull Media House in Auftrag gegeben und vermarktet wurde. Die Besonderheit der Serie liegt vor allem in der interaktiven Einbindung des Publikums. So wurde Exit Vine auf dem Youtube-Kanal von Red Bull Music erstveröffentlicht und aktiv beworben. Jede Episode der Webserie endet mit einer Art Cliffhanger, in dem das Publikum dazu aufgefordert wird, anhand verschiedener Auswahlmöglichkeiten über den weiteren Verlauf der Handlung abzustimmen. Die Zuschauer hatten somit ab dem Erscheinungsdatum die Möglichkeit, in den nächsten beiden Tagen über die Kommentar-Funktion unter den Clips Feedback abzugeben. Basierend auf dem Willen der User wurde jeweils innerhalb der nächsten zwei Wochen eine neue Folge geschrieben und produziert. Ziel des interaktiven Experiments war es laut Angaben des Regisseurs, über den Distributionskanal Youtube ein möglichst großes Publikum zu erreichen und die Abonnementen-Zahl des Red Bull Music Channels zu erhöhen. Die Hauptrollen der Webserie wurden außerdem mit Musikern besetzt, die selbst über Youtube zu Bekanntheit gelangt sind und somit innerhalb der Youtube-Community über eine große Fanbase verfügen. So wird die Rolle von Sarah Lake beispielsweise von der Singer/Songwriterin Hannah Mulholland verkörpert, die seit 2008 regelmäßig Videos gecoverter oder selbstgeschriebener Songs auf Youtube veröffentlicht.

Genre und Ästhetik

Exit Vine lässt sich als Hybrid-Form zwischen Drama und Comedy bezeichnen. So verfügt die Webserie über eine ernsthafte und dramatische Haupthandlung, die immer wieder mit komödiantischen Elementen aufgelockert wird. Vor allem in der typisierten Zeichnung der Figuren und der klischeehaften Komposition der Handlung werden bekannte Genremuster aufgegriffen (siehe hierzu Abschnitt „Dramaturgie und narrative Struktur“).

Die ästhetische Gestaltung der Webserie errinert dabei – aufgrund der wackeligen Kameraführung und der eingeschobenen Interviewsequenzen (vgl. z. B. Episode Nr. 1) – teilweise an dokumentarische Webformate. Die beschriebene Ästhetik vermittelt einerseits den Eindruck von Authentizität, wird aber andererseits fortwährend von ‚Fiktionssignalen’ unterlaufen:Als Beispiel wäre die Szene in Episode Nr. 6 zu nennen, in der „Ambicide“ ein passendes Image zugeteilt werden soll. Während die Imageberaterin verschiedene Styles für die Band vorschlägt und beschreibt, werden ihre Vorstellungen in kurzen mentalen Metadiegesen visualisiert (vgl. Kuhn 2011, S. 285). Bei jedem der drei Vorschläge („Rockabilly chic“, „Punk“ und „70s retro“) schwingt jeweils eine kurze Sequenz ins Bild, die die Bandmitglieder in zum Musikstil passenden Outfits zeigt. Auch der Farbfilter und die musikalische Untermalung sind an die jeweilige Musikrichtung angepasst. Die Inszenierung der Band ist in allen Fällen sehr typisiert und überspitzt. Diese gestalterischen Elemente, die in diesem Fall vor allem die in der Musikbranche typische Konstruktion eines zielgruppenspezifischen Images parodieren, vermitteln der Webserie eine gewisse Leichtigkeit und Kurzweiligkeit.

Insgesamt nimmt die visuelle Grundstimmung der Serie immer wieder Bezug auf den Kosmos der Musikbranche. Der Dualismus der zwei musikalischen Welten des Pop und des Rock, die in der Serie in einer Art Konkurrenzverhältnis stehen, spiegelt sich vor allem in der Farbgestaltung wider (vgl. z. B. Episode Nr. 3). So dominieren in Exit Vine vor allem dunkle und gedeckte Farben, wenn die Rockband „Ambicide“ zu sehen ist, während die Popsängerin Encore im Gegensatz dazu stets von bunten und leuchtenden Farben umgeben ist. Auch die Ausstattung der Handlungsräume ist entsprechend gestaltet. Während die Mitglieder von „Ambicide“ sich in dunklen Proberäumen oder mit Müll übersähten Hinterhöfen aufhalten, wird Encore von Glitzer und Glamour umgeben. Musik als Mittel der Stimmungserzeugung kommt in Exit Vine insgesamt eine sehr große Bedeutung zu. Nicht nur als intradiegetischer Sound der auftretenden Künstler, sondern vor allem auch als extradiegetische Untermalung von ausgelassener oder trauriger Atmosphäre ist Musik innerhalb der Webserie allgegenwärtig und unterstützt somit die Handlungs-Dynamik der Webserie.

Insgesamt ist die ästhetische Gestaltung von Exit Vine eher ‚webserientypisch’. Schnelle Schnitte und eine simple, aber hochwertige Gestaltung treiben die Handlung voran.

Dramaturgie und narrative Struktur

Exit Vine zeichnet sich webserientypisch durch eine dichte Erzählökonomie aus. Durch die typisierten Hauptfiguren (coole Rocksängerin, zickiges Popsternchen, schüchterner Drummer, der heimlich in die Sängerin verliebt ist, oberflächlicher Exfreund etc.) und die klischeehaften Plots (Nathalie muss sich zwischen ihrem Exfreund Jake und ihrer neuen Liebe Charlie entscheiden, Eifersucht und Konkurrenz führen zu Streit zwischen Nathalie und Encore etc.) kann der Zuschauer schnell in die Handlung einsteigen. Vor allem durch das handlungstragende Motiv der Musik wird ein Lebensgefühl vermittelt, das von Freiheit und Lifestyle geprägt ist. Die Handlung schreitet schnell voran und es immer wieder zu Höhepunkten und Konfliktsituationen, die die Webserie abwechslungsreich und unterhaltsam machen.

Die Webserie greift immer wieder auf erzählerische Stilmittel und Konventionen zurück, die die handlungsökonomische Erzählweise unterstützen. So werden z. B. durch mentale Metadiegesen schnell und unkompliziert die Innenwelten der Figuren visualisiert. Jeweils zu Beginn der Episoden wird in einer Kombination aus Szenen, in denen die Figuren direkt in die Kamera sprechen und bereits gezeigten Ausschnitten früherer Folgen, die mit dem multiplen Voice-Over-Stimmen verschiedener Charaktere unterlegt sind, in die Handlung eingeführt. In diesen Abschnitten scheinen sich die Figuren explizit an das Publikum zu wenden. Diese direkte Adressierung kommt innerhalb der eigentlichen Handlung der Webserie ebenfalls vor, allerdings nur partiell in der ersten und der letzten Episode. So startet die erste Folge damit, dass Nathalies Exfreund Jake in einer späteren Voice-Over-Narration in die Handlung einführt, die schließlich mit einem Auftritt der Band bei einem Musikwettbewerb beginnt. Als Jake erzählt, sind Nathalie und Charlie auf der Bühne zu sehen, während Jakes erlebendes Ich betrunken dazu taumelt und den Auftritt ruiniert. Wutentbrannt schlägt Nathalie ihrem Freund mit der Faust ins Gesicht. Zwischendurch wird Jake immer wieder in einer Art Interviewsituation gezeigt, in der er direkt in die Kamera spricht. In diesen Einschüben ist deutlich ein Bluterguss zu erkennen, der sich um sein rechtes Auge abzeichnet, sodass der Zeitpunkt des Erzählens dieser proleptischen Einschübe kurz nach dem Auftritt liegen muss. In der letzten Episode der Webserie wird eine weitere Voice-Over-Narration eingesetzt, wenn Nathalie abschließend aus einer distanzierteren Position, die allerdings nicht weiter in die Handlungslogik verankert wird, davon berichtet, wie sich die Geschichte entwickelt hat. In ihren Ausführungen spricht sie außerdem das Thema der Entscheidungsfindung und den daraus resultierenden Konsequenzen an, in dem sie aufzählt, was sich anders ereignet hätte, wenn bestimmte Entscheidungen nicht getroffen worden wären. Damit geht Nathalie indirekt auf die interaktive Struktur der Webserie ein, die die Entwicklung der zentralen Konflikte – durch die Miteinbeziehung der User – maßgeblich beeinflusst hat.

Angaben

Staffeln: 1
Episoden: 8
Episodenlänge: min. 5 – 11 [Ø 7 min]
Erscheinungsrhythmus: zweiwöchentlich
Zuerst gezeigt auf: Youtube-Kanal
Produktion: Revel Pictures
Distribution: Red Bull Media House
Jahr: 2013
Genre: Drama/Comedy/Musik

Abrufbar unter:

https://www.youtube.com/show/exitvine/
http://www.redbull.tv/shows/1389104645072-2032410918/exit-vine
(Zugriff: 02.07.2015)

Sonstige Quellen:

Hit YouTube Web Series ‚Exit Vine‘ (Radar Online)

Kuhn, Markus (2011): Filmnarratologie. Entwurf eines erzähltheoretischen Analysemodells. Berlin/New York: De Gruyter

New Episode Of Innovative Web Series Exit Vine Now Airing On The Red Bull Music Youtube Channel (The World of Pop Culture)

Red Bull Web Series ‘Exit Vine’ Director on Letting Viewers Choose The Plot (New Media Rockstars)

Youtube-Channel von Hannah Mulholland

(Zugriff: 02.06.2015)

Julia Weber, 23.07.2015