Mit dem WebserienBlog dokumentieren wir die deutschsprachige Webserienlandschaft und ausgewählte internationale Webserien [mehr über das Projekt].

Agentur Amateur

Handlung


Die Webserie „Agentur Amateur“ thematisiert in einer pseudoauthentischen Dokumentation den Berufsalltag der gleichnamigen Werbeagentur. Das Besondere an dem Unternehmen ist, dass, abgesehen vom Geschäftsführer Maximilian Williams, sämtliche Positionen mit Mitarbeitern besetzt sind, für die die Kreativbranche vollkommenes Neuland ist. Durch die ungewöhnliche Zusammenstellung des Teams erhofft sich Williams, eine innovative Form von Kreativität zu erzeugen, um sich damit von anderen Marktteilnehmern abzugrenzen zu können. Die Webserie dokumentiert verschiedene Schritte im Entstehungsprozess des Unternehmens, vom Entwurf des Logos oder der Produktion eines Imagefilms über den ersten Kundenbesuch bis hin zum Social Media Management und zur Präsentation erster Ergebnisse.

Produktion und Medienumgebung


Bei Agentur Amateur handelt es sich um eine pseudoauthentische Webserie, die auf der Kultur- und Kunstplattform Arte Creative publiziert wurde. Arte Creative ist eine Art Onlinemagazin, das in erster Linie dazu dient, herausragende kreative Arbeiten und Projekte aus verschiedenen künstlerischen Bereichen, wie beispielsweise klassischeren Medien wie Film oder Fotografie, aber auch neueren Phänomenen wie Street Art oder Web Design zu veröffentlichen. Das Portal kooperiert mit verschiedenen Hochschulen, Museen oder Festivals und bietet Kunst- und Kulturschaffenden eine Plattform, durch welche die Ergebnisse ihrer Kreativität einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Allem Anschein nach werden die  Figuren der Webserie nicht von professionellen Schauspielern, sondern ganz im Sinne der Handlung von Amateuren gespielt. Ob die Protagonisten im Zuge der Produktion wussten, dass es sich bei der Agentur Amateur um ein fiktionales Produkt handelt, lässt sich nur spekulieren. Somit scheint zumindest auf den ersten Blick, die Grenze zwischen Fiktionalität und Faktualität zu verschwimmen. Vor allem die unprofessionelle Inszenierung und die laienhaften Darsteller erwecken zunächst den Eindruck eines tatsächlich dokumentarischen Webformats. Dieser Eindruck wird außerdem durch mediale Repräsentation im Internet unterstützt: Die Agentur Amateur verfügt neben der Webserie über einen zusätzlichen Webauftritt, der sowohl gestalterisch als auch inhaltlich an das Konzept der Serie anknüpft. Hierbei handelt es sich um eine Homepage,  die – gemessen an  gestalterischen Konventionen einer zeitgemäßen Werbeagentur – eher unprofessionell und dilettantisch designt ist. In den einfach geschriebenen und phrasenhaften Texten, die die Arbeit und Mitarbeiter der Agentur beschreiben, finden sich zudem zahlreiche Rechtschreibfehler. Die Unprofessionalität der Homepage wirkt auf den ersten Blick allerdings keinesfalls überzogen, sondern vielmehr authentisch unprofessionell, sodass sich zunächst nicht vermuten lässt, dass hinter dem Projekt eine fiktionale Produktion steckt. Auch im Impressum der Homepage findet sich keinerlei Hinweis auf einen fiktionalen Hintergrund. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Webserie auf der Seite nicht erwähnt bzw. eingebunden wird. Innerhalb der Webserie hingegen sind immer wieder direkte Verweise auf die Homepage zu finden. So werden z. B. in Episode Nr. 5 Inserts mit der Aufforderung die Homepage zu besuchen oder der Agentur auf Twitter zu folgen, eingeblendet.


Genre und Ästhetik


Die Webserie orientiert sich am Genre der Mockumentary. So gibt sie vor, eine authentische, aber unprofessionell produzierte Dokumentation zu sein, um auf überspitzte Weise die Agentur- und Werbelandschaft zu parodieren. Die vermeintliche Unprofessionalität der Webserie zeigt sich zunächst vor allem in ihrer ästhetischen Gestaltung. So erwecken eine wackelige Kameraführung und unruhige Zooms den Eindruck, dass das die Produktion eines Films zunächst noch erlernt und ausprobiert werden muss. Typische Produktionsfehler, wie das Auftauchen eines Mikrofons am oberen Bildrand, werden somit gezielt inszeniert und überhöht (vgl. Episode Nr.1). Auch die Postproduktion unterstützt diesen Eindruck, Montage und vor allem die digitale Nachbearbeitung wirken ebenfalls amateurhaft. Auf extradiegetischer Ebene werden zudem immer wieder Schrifttafeln und Inserts eingeblendet, die die Namen der Figuren und weitere kurze Beschreibungen vermitteln. Mit der Verwendung verschiedener Schrifttypen, wie der in der Kreativwirtschaft verpönten Schriftart Comic Sans und einer aufdringlichen Farbgebung verstößt die Gestaltung der Bildschrift dabei ebenfalls gegen zahlreiche Designregeln. Diese gestalterische Amateurhaftigkeit wird ebenso auf intradiegetischer Ebene thematisiert, wenn die Protagonisten das Logo der Agentur mit der integrierten Grafik-Software Apple Paint Brush entwerfen, anstatt mit einem professionellem Programm wie Photoshop zu arbeiten (vgl. Episode Nr. 2). Auch im Nachspann wird die typische Arbeitsweise von Werbeagenturen parodiert, indem anstelle eines aufwendig gestalteten animierten Abspanns die Credits auf intradiegetischer Ebene mithilfe beklebter und bemalter Whiteboards präsentiert werden.

Dramaturgie und narrative Struktur


Unter dem Deckmantel vermeintlicher Ernsthaftigkeit parodiert die Webserie Agentur Amateur die Werbebranche und die Start-Up-Szene. Dies äußert sich neben der ästhetischen Gestaltung vor allem in der typisierten Inszenierung der Charaktere. So gibt es z. B. den ironischen Entrepreneur Maximilian Williams, der übertrieben arrogant und unsympathisch auftritt, immer wieder Modewörter oder Abkürzungen der Gründerszene (wie z. B. „GF“ statt Geschäftsführer) einfließen lässt und mit leeren, aber wichtig klingenden Phrasen Kompetenz vermittelt: „Ich bin schon mein Leben lang erfolgreich in allem, was ich mehr oder weniger anpacke. (…) Nur lass ich eben jetzt andere Menschen für den Erfolg von mir arbeiten.“ (Episode Nr. 1)
Auch die anderen Hauptfiguren der Webserie entsprechen altbekannten Stereotypen. So ließe sich beispielsweise der pensionierten Handwerker Hubert Kißling anführen, der immer wieder betont, dass der Kreativmarkt für ihn völliges Neuland ist und mit einer überspitzt konservativen Herangehensweise an die Arbeit in der Agentur herangeht. Die jüngere Magdalena Palys hingegen verkörpert eher die naive Schülerin, die mit Kenntnissen aus der Schulzeit auf eine eher spielerische Weise an die Aufgaben (z. B. Logo-Design) herantritt. Auch die Generationsunterschiede der Teammitglieder werden in der Webserie überspitzt und klischeehaft inszeniert. So kennen sich die älteren Mitarbeiter so gut wie gar nicht mit neuen Medien wie Computern aus und einfachste Prozesse am Computer oder im Internet gestalten sich für sie als problematisch. Im Zuge der Figurenkonstellation ist außerdem der Auftritt des über Youtube bekannt gewordenen Rappers Money Boy zu nennen, der ebenfalls aufgrund seines unprofessionellen, sich selbst und die Rapszene parodierenden Auftretens zu Erfolg gelangte (vgl. Episode Nr. 12).
Ein wichtiges dramaturgisches Element der Webserie ist zudem ihre mediale Selbstreferentialität. So werden im Zuge der Handlung immer wieder verschiedene neue Medien thematisiert und sich auf ironische Weise mit der Produktion medialer Inhalte, innerhalb der Umgebung des Internets, auseinandergesetzt. Auch das Portal Arte Creative, auf dem Agentur Amateur publiziert wurde, findet somit Erwähnung: Das Internet Portal des deutsch französischen TV-Senders tritt an die Agentur heran und bittet diese innerhalb der erzählten Welt eine  Webshow zu produzieren. Im Zuge dieser selbstreferenziellen Struktur werden außerdem der Prozess und die Bedingungen einer Webproduktion thematisiert und gezeigt (vgl. Episode Nr 9).
Wie bereits angesprochen spielt bei der Webserie außerdem die Einbindung in die Medienumgebung des Internets eine große Rolle (Homepage, soziale Netzwerke etc.). So scheinen die Grenzen zwischen intra- und extradiegetischer Ebene fließend zu sein, wenn beispielsweise der innerhalb der Serie produzierte Imagefilm auf der Website gezeigt wird oder diese innerhalb der Diegese thematisiert wird. Bei diesem Zusammenspiel der beiden Ebenen handelt es sich um ein typisches Merkmal vieler pseudoauthentischer Medienprodukte.

Angaben


Staffeln: 1
Episoden: 13
Episodenlänge: min. 9 - 19  [Ø 12,02 min]
Erscheinungsrhythmus: wöchentlich
Zuerst gezeigt auf: ARTE Creative
Produktion: Crazeland TV
Jahr: 2013
Genre: Mockumentary

Abrufbar unter:


Arte Creative [Anm.: nur noch die letzte Episode verfügbar]
(Zugriff: 02.08.2015)
Sonstige Quellen:
Agentur Amateur – Werbung neu definiert (Designtagebuch.de)
Homepage der Agentur Amateur
(Zugriff: 02.08.2015)


Julia Weber, 02.08.2015